Arbeit und Wachstum


Ganz unabhängig davon, was die ausschlaggebenden Faktoren bei der Genese der beschriebenen prinzipiellen Grenzenlosigkeit von Selbst, Arbeit, Produktion und Ressourcennutzung war – «die industrielle Revolution, der Einsatz von Dampfmaschinen, die Organisierung der Arbeitsteilung, eine Industrie-Pädagogik, physiologische Modelle» (Vogl 2008, S. 336), die Individualisierung und Biographisierung, die Übertragung biologischer und evolutionärer Prinzipien in den Bereich der Ökonomie sowie das protestantische Modell der innerweltlichen Askese und Rechenschaft –, ihr Ergebnis jedenfalls ist die erstaunliche Verwandlung von Substantiellem in bloße Durchlaufzustände: jeder Herstellungsvorgang
ist nur der Vorläufer des Nächsten, jedes Produkt der Vorgänger des folgenden, jeder Arbeitsgang nur der vorläufige Akt in einer unendlichen Kette von Wiederholungen.
Kein Zweck wird je erreicht, aber das Geld ist unendlich vermehrbar und die Produktivität grenzenlos zu steigern. Galt Arbeit zuvor als «molestia», als Mühe und Beschwernis, so wird sie nun nobilitiert zum «opus», zum hervorbringenden Tun, dem, wie Joseph Vogl schreibt, anthropologischen Leitbegriff des 19. Jahrhunderts (S. 337): «Produktiv diesem neuen Verständnis nach ist ein Reichtum, der die Bedürfnisse aller übersteigt; und produktiv ist eine Arbeit, die nicht mit der Stillung eines Bedürfnisses endet» (S. 338). Und genau in dieser
Gestalt geht Arbeit in die nationalökonomische Theoriebildung ein: als eine in sich unbegrenzte endlose Tätigkeit, die kein spezifisches, abgegrenztes, im Produkt aufgehobenes Ziel hat, sondern der unablässigen Schöpfung von Wert dient – mithin der nie endenden Produktion von «Wachstum». Diesen Vorgang hat Marx mit dem Verschwinden der konkreten Arbeit im Tauschwert bezeichnet.
So wie die Arbeit damit unaufhörlich wird, so wird jeder Augenblick im Leben, jede Stufe im Lebenslauf, jeder Euro auf dem Konto lediglich zur Vorstufe jedes nächsten Abschnitts, jedes weiteren Euro. Und das Selbst ist in jeder Biographie immer nur Vorstufe eines Selbst, das noch Weiteres zu erreichen hat.
Diese Form der Güterproduktion und Mehrwerterzeugung generiert eine permanente Selbsttranszendenz in Wirtschaft und Persönlichkeit. Beide sind prinzipiell auf Selbstüberschreitung, Unabschließbarkeit, also Unendlichkeit gestellt und damit systematisch auf pausenloses Wachstum. Eine stationäre Wirtschaft ist das exakte Gegenteil davon, daher gänzlich undenkbar – sie wird sofort mit Stillstand in der Wohlstands- wie in der Persönlichkeitsentwicklung assoziiert. Der Affekt, der immer dann auftritt, wenn man in den einschlägigen Debatten vorschlägt, man könne einfach aufhören zu wachsen, spricht Bände

über die Rolle, die das Wachstum in den emotionalen Haushalten eingenommen hat.
Das sich selbst überschreitende Wachstum hat sein Korrelat in jedem einzelnen modernen Lebenslauf: Das Prinzip der Unendlichkeit herrscht nicht nur draußen, sondern eben auch in einem selbst. Schon Hegel hatte den skizzierten Typ von Arbeit als beständig aufgeschobenes Genießen und gehemmte Begierde (vgl. Vogl, S. 339) charakterisiert und Max Weber den zugehörigen Sozialcharakter als «Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz» bezeichnet und bitter resümiert: «Dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe
des Menschentums erstiegen zu haben» (Weber 2006, S. 201).
Der «Berufsmensch» tritt mit dem kapitalistischen Wirtschaftsmodell erstmals auf den Plan und mit ihm die Kategorie des unendlichen Wachstums, in der Außenwelt wie in der Innenwelt. Die Formierung dieses Sozialcharakters startet vor 200 Jahren, seitdem erfährt er eine beständige Fortentwicklung. Die mentale Infrastruktur des sich immer nur als Vorstufe des nächsten Entwicklungsschritts begreifenden Subjekts lässt sich in den Figuren des «lebenslangen Lernens», des «produktiven Alterns» ebenso wiederfinden wie in den esoterischen Selbstfindungssuchen nach dem «wahren Ich», dem «positiven Leben», die systematisch genauso wenig jemals an ein Ende kommen können wie die Selbstausbeutungsfetischismen der Laptop-Männer, die alle Züge, Flugzeuge und Warte-Lounges dieser Welt bevölkern: Alle werden niemals fertig.

 

aus: "Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam"

von Von Harald Welzer
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung

Schriften zur Ökologie Band 14