Falsche Versprechen

Jason Hickel weist in seinem Buch "Die Tyrannei des Wachstums" auf die falschen Versprechen der Ökonomen hin, die weiterhin das ewige Wirtschaftswachstum preisen.

Das Buch ist 2017 erschienen und hat 430 Seiten.

 

Sobald Ökologen und Klimawissenschaftler wieder einmal neue Projektionen dazu vorlegen, wie es unserer Welt ergehen wird, wenn wir an dem BIP-Fetisch festhalten, werden sie mit schöner Regelmäßigkeit von Ökonomen niedergebrüllt, die dagegenhalten, dass wir mithilfe technologischer Innovationen und Effizienzsteigerungen das Wirtschaftswachstum vom materiellen Durchsatz »entkoppeln« können. Keine Sorge, sagen sie, wir können das BIP bis in alle Ewigkeit steigern, ohne dadurch den Planeten zu ruinieren.

In gewisser Hinsicht scheint das sogar korrekt zu sein. In Großbritannien, Japan und vielen anderen reichen Ländern geht der »Inlandsmaterialverbrauch« mindestens seit 1990 zurück, in den Vereinigten Staaten ist er immerhin mehr oder weniger stabil geblieben. Der Inlandsmaterialverbrauch ist das Standardmaß für die gesamten physischen Stoffe, die Länder extrahieren, produzieren und konsumieren, einschließlich importierter Waren. Aus der Tatsache, dass dieser Verbrauch zurückgeht, folgt jedoch nicht, dass diese Länder auch weniger konsumieren; das tun sie nicht. Vielmehr bedeutet es, dass der materielle »Fußabdruck« ihres Konsums schrumpft und weniger negative Auswirkungen auf den Planeten hat - obwohl das BIP weiterhin anwächst. Mit anderen Worten, das Wachstum hat sich anscheinend vom Materialeinsatz entkoppelt. Das klingt fantastisch, und genau auf solche Daten beziehen sich die Ökonomen, wenn sie ihre betörende Vision einer künftigen Leichtgewichtsökonomie entwerfen.

Tatsächlich aber ist der inländische Materialverbrauch in den reichen Ländern in den letzten Jahrzehnten vor allem deshalb gesunken, weil dieses Maß einen entscheidenden Teil der Gleichung unterschlägt: Zwar werden die von einem Land importierten und verbrauchten Waren und Produkte berücksichtigt, nicht aber der durch die Produktion und den Transport dieser Waren verursachte materielle Fußabdruck. Mit der Auslagerung der Produktion in andere - zumeist im Globalen Süden gelegene – Länder wird diese Seite des Materialverbrauchs praktischerweise gleich mit aus der Bilanz ausgelagert. Beziehen wir sie wieder mit in die Rechnung ein, zeigt sich, dass der Materialverbrauch der reichen Länder in den vergangenen Jahrzehnten nicht zurückgegangen, sondern im Gegenteil stark und sogar noch schneller als das BIP angewachsen ist. Ein anderer Ansatz wäre, den Materialdurchsatz der Weltwirtschaft insgesamt zu betrachten, was uns einen Eindruck der Gesamterzeugung und des Gesamtverbrauchs unabhängig davon vermittelt, wo auf der Welt das stattfindet. Tun wir das, sehen wir, dass die Materialerzeugung und der Materialkonsum weltweit betrachtet von 1980 bis 2010 um 94 Prozent gestiegen sind, sich in der letzten Dekade noch beschleunigt haben und auf 70 Milliarden Tonnen pro Jahr in die Höhe geschossen sind." Und der Anstieg hält an: Bis 2030 werden wir, so wird erwartet, die 100-Milliarden-Tonnen-Marke pro Jahr knacken.

Wie wird das in der echten Welt aussehen? Nun, zum Beispiel wird sich die Zahl der Autos auf den Straßen der Welt bis 2030 verdoppeln. Die der Zivilflugzeuge am Himmel bis 2035. Bis 2040 die Menge der Waren, die wir über die Ozeane der Welt verschiffen. Und das Aufkommen von Festabfällen - der Müll, der auf Deponien gekippt wird - dürfte sich bis zum Ende des Jahrhunderts auf 11 Millionen Tonnen pro Tag verdreifachen. Das ist eine ganze Menge, vor allem wenn man bedenkt, dass man allein mit dem städtischen Müllaufkommen bereits heute jeden Tag eine 5000 Kilometer lange Schlange von Müllkippern beladen könnte. Stellen Sie sich das vor: eine Schlange von Mülllastern, Stoßstange an Stoßstange, die sich von Los Angeles bis New York City quer durch die Vereinigten Staaten windet, randvoll mit Müll, und das Tag für Tag.

Und bislang haben wir uns nur mit den Folgen des Wachstums auf die materiellen Ressourcen der Erde beschäftigt. Darüber, was das alles für die Klimaveränderung bedeutet, haben wir noch kein Wort verloren. Wir wissen, dass wir das sichere Limit der CO2-Konzentration in der Atmosphäre von 350 ppm (vparts per million , Teilchen pro Million) schon vor einiger Zeit überschritten haben. Vor Kurzem haben wir die 400-ppm-Marke erreicht, was einen globalen Temperaturanstieg von mindestens 1,5 Grad Celsius über das vorindustrielle Niveau garantiert. Auf dem gegenwärtigen Wachstumspfad marschieren wir schnurstracks auf eine Erderwärmung von 4 °C zu - die im Pariser Abkommen gemachten internationalen Zusagen zur Emissionsreduzierung mit eingerechnet. Wie im vorangegangenen Kapitel gesehen, wird uns das selbst zurückhaltenden wissenschaftlichen Analysen zufolge steigende Meeresspiegel, überflutete Küstenstädte, stärkere Überschwemmungen und Dürren, Missernten, Krankheitsepidemien, Hungerkatastrophen und massenhafte Fluchtbewegungen bescheren. Die große Ironie liegt natürlich darin, dass bei einer Klimaerwärmung in diesem Ausmaß das Wirtschaftswachstum einbrechen wird und auf lange Zeit hinaus einen Rückgang des weltweiten BIP um mindestens 5 Prozent, möglicherweise aber sogar um bis zu 20 Prozent pro Jahr nach sich ziehen wird.

Auch in dieser Sache bräuchten wir uns, sagen manche, keine Sorgen zu machen. Wir können dem bisherigen Wachstumspfad folgen, den Lebensstandard der reichen Welt aufrechterhalten und dennoch sicher sein vor der Klimaveränderung - solange wir nur schnell genug auf erneuerbare Energien umsteigen und anfangen, mithilfe von Negativen Emissionstechnologien (NETs) Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entfernen. Für den aktuell wichtigsten in diese Richtung zielenden Ansatz steht das Kürzel BECCS (»bio-energy carbon capture and storage «): Bioenergie-Kraftwerke mit Kohlenstoffabscheidung und -speicherung. Der Grundgedanke dahinter ist einfach: Man legt riesige Baumplantagen an, die Kohlenstoff aus der Atmosphäre aufnehmen. Dann werden die Bäume gefällt, zu Holzchips verarbeitet, zu den Abnehmern verschickt und in Kraftwerken zur Energieerzeugung verbrannt. Der dabei freigesetzte Kohlenstoff wird abgeschieden und tief unter der Erde gespeichert. Auf dem Papier klingt das toll, doch es gibt da ein kleines Problem: Wir verfügen noch gar nicht über die dafür erforderliche Technologie, und selbst die optimistischsten Ingenieure geben zu, dass sie nicht rechtzeitig einsatzbereit sein wird, um uns vor der Klimaveränderung zu bewahren.

Davon abgesehen, selbst wenn wir es irgendwie schaffen sollten, BECCS schon morgen ans Netz anzuschließen, gäbe es auf der Erde gar nicht ausreichend Flächen, damit das funktionieren könnte. Wir bräuchten eine Baumplantage, die dreimal so groß ist wie Indien, und diese müssten wir Jahr um Jahr, Jahrzehnt um Jahrzehnt abernten, ohne dass das auf Kosten der sowieso schon knappen landwirtschaftlichen Anbauflächen gehen würde, die wir zur Ernährung der Weltbevölkerung benötigen."  BECCS und andere Pläne in der Art einmal beiseitegelassen, muss hier noch eine andere Sache mit bedacht werden: Energie ist, was die Klimaveränderung angeht, nur ein Teil des Problems. Fossile Energien sind nur für rund 70 Prozent der gegenwärtigen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Selbst wenn wir uns schon morgen von den fossilen Energien verabschieden könnten, müssten wir uns immer noch mit diesen anderen 30 Prozent herumschlagen.

Woher stammen diese Emissionen aus nichtfossilen Energieträgern? Eine wichtige Quelle ist die Entwaldung. Die Entwaldung setzt nicht nur aktiv Kohlenstoff in die Atmosphäre frei, sie vernichtet auch die Kohlenstoffsenken, auf die wir zur Absorption unserer Emissionen angewiesen sind. Schlimmer noch, der Großteil der abgeholzten Waldflächen wird für die industrielle Landwirtschaft umgewidmet, die mit ihrem intensiven Kunstdüngereinsatz die Böden auslaugt. In dem Maße jedoch, wie die Böden degradieren, verlieren sie ihre Fähigkeit zur Kohlenstoffspeicherung und entlassen gigantische CO2-Schwaden in die Atmosphäre.

Nicht zu vergessen die industrielle Nutztierhaltung, die pro Jahr 90 Millionen Tonnen Methan und den Großteil des anthropogenen Distickstoffoxids freisetzt - beides Gase, die um ein Vielfaches klimawirksamer sind als CO2. Allein die Viehhaltung trägt mehr zur Klimaveränderung bei als alle Autos, Flugzeuge und Schiffe, die auf der Erde unterwegs sind." Darüber hinaus trägt auch eine Reihe von industriellen Prozessen erheblich zur Klimaveränderung bei, etwa die Zementherstellung, bei der chemische Reaktionen ablaufen, die Treibhausgase erzeugen. Das Gleiche gilt für die Stahl-, Eisen- und Kunststoffproduktion. Und dann gibt es noch unsere Mülldeponien, aus denen riesige Mengen Methan in die Atmosphäre aufsteigen - rund 16 Prozent der globalen Gesamtmenge.

Das Problem ist also nicht nur, welche Energieträger wir verwenden, sondern auch, was wir mit dieser Energie anstellen. Was würden wir mit 100 Prozent sauberer Energie machen? Dasselbe, was wir mit Energie aus fossilem Brennstoff tun - mehr Wälder abholzen, mehr Fleischfabriken bauen, die industrielle Landwirtschaft expandieren, mehr Zement herstellen und mehr Deponien aufschütten, auf denen wir den Müll aus dem zusätzlichen Zeugs, das wir produzieren und konsumieren, entsorgen - samt und sonders Dinge, die tödliche Mengen an Treibhausgasen in die Luft pumpen. Wir werden all das tun, weil unser Wirtschaftssystem nach endlosem exponenziellem Wachstum verlangt. Der Umstieg auf saubere Energie allein kann diesen Prozess nicht aufhalten.