Soziale Verwerfungen

Zum Wachstum gestern und heute

Der jahresdurchschnittliche Anstieg der Pro-Kopf-Einkommen verzehnfachte sich von 0,22 Prozent in der Zeit zwischen 1000 bis 1820 auf 2,21 Prozent in den Jahren von 1820 bis 1998. Der Lebensstandard der Menschen in den Industrieländern hat sich seitdem ausserordentlich verbessert, Unterernährung und Hunger verschwinden - zumindest in Europa in friedlichen Zeiten. Zugleich wird seit der Industrialisierung gegen Ende des 18. Jahrhunderts jedoch der wachsende Wohlstand extrem ungleich verteilt. In Westeuropa beträgt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen im Jahre 1998 17921 USDollar, in den USA und Kanada liegt es bei 26146 US-Dollar. In Asien (ohne Japan) beträgt der Durchschnitt der Pro-Kopf-Einkommen aber nur 2936 USDollar und in Afrika 1368 US-Dollar - ein Zwanzigstel des Wertes in den USA. Wachstum ist also keineswegs mit mehr Gleichheit in der Welt verbunden. Im Gegenteil, Ungleichheit wird zu einer Lebenserfahrung und zu einem Ärgernis zumindest für jene, die zu den Benachteiligten gehören. Kapitalismus, dies zeigt sich von Anbeginn an, ist ein System der qualitativen Angleichung (alles wird in Geld und Kapital ausgedrückt) und der quantitativen Ungleichheitsproduktion: Die einen haben viel, die anderen wenig und einige gar keine Geldeinkommen.

aus WOZ 20.4.2006 "Das Ende des Kapitalismus" von Elmar Altvater