Thesen zu Hobsbawn von Alexander Schauenburg

 

1. Vorgeschichte

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickeln sich die Arbeiterbewegung und die ihr zugehörigen politischen, gewerkschaftlichen und sozialen Organisationen immer erfolgreicher. Sie erfahren einen gewaltigen Zulauf. Fast alle Maßnahmen der politischen Unterdrückung und Verfolgung scheitern letztendlich. Eine „Neue Zeit“ mit Demokratie, republikanischen Freiheiten, sozialen Sicherheiten und Förderung der Arbeiterklasse in Verbindung mit der Gewährung voller staatsbürgerlicher Rechte scheint unaufhaltbar zu sein und unmittelbar bevorzustehen.

 

2. Der Beginn einer „Neuen Zeit“ beginnt mit einem katastrophalen Rückschlag für diese politischen und gesellschaftlichen Tendenzen: dem 1. Weltkrieg. Dieser erste „moderne“ technisierte Krieg ist von bis dahin nicht vorstellbarer Vernichtungskraft gekennzeichnet (15 Millionen Tote).

 

3. Das durch diesen Krieg ausgelöste Fiasko führt in Europa das Ende der alten Feudalmächte herbei. Die Kaiser- und Zarenreiche zerfallen. An ihrer Stelle entstehen einerseits parlamentarische Demokratien und andererseits die Sowjetunion. Beides geschieht überwiegend durch Revolutionen, deren wesentlicher Träger die Arbeiterklasse ist. Mit der Bildung der Sowjetunion wird die Grundlage für den Ost-West-Gegensatz gelegt.

 

4. Die Arbeiterbewegung in den westlichen Ländern nimmt auf dieser Grundlage „wieder Fahrt auf“. Gewerkschaften, Arbeiterparteien, Genossenschaften werden zu bedeutenden gesellschaftlichen und politischen Kräften. Die Frage „Sozialismus/Kommunismus“ dort oder „Sozialdemokratie“ hier kommt auf die politische Tagesordnung.

 

5. Im Unterschied zu den USA (New Deal) ereignet sich in Europa ein erneuter katastrophaler Rückschlag durch den Erfolg faschistischer Bewegungen, insbesondere in Deutschland und Italien. Er erfährt seine gigantische Zuspitzung in der nationalsozialistischen Terrorherrschaft über die größten Teile Westeuropas und durch den 2. Weltkrieg. Dieser Krieg führt vorübergehend zu einer Abschwächung des Ost-West-Gegensatzes.

 

6. Der vollständige Sieg über Nationalsozialismus und Faschismus führt in den westlichen Industrieländern schließlich auch zu einem Sieg des „sozialdemokratischen Prinzips“: Politische „Bändigung“ des Kapitalismus, Sozialstaatlichkeit, starke Gewerkschaften. Bis hin zu konservativen Parteien wird ein „entfesselter Kapitalismus“ abgelehnt (soziale Marktwirtschaft).

 

 

7. Dieser Erfolg, der äußerlich geprägt ist von bis dahin nicht vorstellbarem Massenwohlstand und völlig neuartigen, umfangreichen sozialen Sicherungssystemen, beruht auf drei Säulen:

Das unglaubliche Vernichtungspotenzial des 2. Weltkriegs führt zu einem lang anhaltenden Wirtschaftsboom. Dieser verleiht der Lohnarbeit gegenüber der Kapitalseite ein erhebliches Gegengewicht (Vollbeschäftigung).

Die aus dem Ost-West-Gegensatz erwachsene Systemkonkurrenz zwingt politisch die westlichen kapitalistischen Gesellschaften zur „Befriedung“ der abhängig arbeitenden Bevölkerungsschichten. Der „Westen“ muss sich in jeder Hinsicht dem „Osten“ als überlegen erweisen (Einführung des westdeutschen Rentensystems). Andererseits ist die Systemkonkurrenz begleitet von dem Schreckensbild eines 3. Weltkriegs.

Das enorme wirtschaftliche Wachstumspotenzial der westlichen Industriegesellschaften wäre ohne eine ausreichende und billige Rohstoffversorgung nicht möglich gewesen. Eine dramatische Ausbeutung vieler Länder der sog. „3. Welt“ ist die Konsequenz. Deshalb bilden sich dort in zunehmenden Maße Befreiungsbewegungen. Die sind einerseits selbst vom „Sozialdemokratismus“ bzw. von sozialistischen / kommunistischen Ideen geprägt, andererseits aber auch Spielbälle des Ost-West-Gegensatzes.

8. Etwa ab Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts endet die „lange Welle der Prosperität“. Die kapitalistische Wirtschaft hat weltweit massive Überkapazitäten aufgebaut und sich gleichzeitig „transnationalisiert“. Der Fluch der Arbeitslosigkeit – hie und da bereits überwunden geglaubt – beginnt wieder Platz zu greifen. Nun besteht für die Kapitalseite kein Anlass mehr, auf die Lohnarbeitsseite besonders Rücksicht zu nehmen. Mit Reagan und Thatcher beginnt die „neoliberale Gegenrevolution“: Demontage des Sozialstaats, Zerschlagung und Schwächung der Gewerkschaften, Abbau von staatlichen Kontrollen über das Wirtschaftsgeschehen. Zudem kann das Kapital aufgrund seiner transnationalen Aufstellung zunehmend die Nationalstaaten unter Konkurrenzdruck setzen, worauf deren Regierungen nicht mit Solidarität, sondern mit selbst verstärktem Wettbewerb reagieren (Abwärtsspirale).

 

9. Die Systemkonkurrenz verliert in den 80er Jahren zunehmend an Bedeutung. Das „realsozialistische“ Experiment ist wirtschaftlich und politisch weitgehend gescheitert. Die Wirtschaften des Ostens hängen hoffnungslos am „Tropf des Westens“. Auch von daher liegt kein Grund mehr für besondere Rücksichten vor. Mit Beginn der 90er Jahre ist der Gegenpol verschwunden. Die ehemaligen RGW-Länder werden nun selbst zu kapitalistischen Wirtschaften und zwar überwiegend von Anfang an ohne jeden „Sozialklimbim“.

 

Das „kurze sozialdemokratische Jahrhundert“ ist zu Ende.

 

 

frei nach:

Eric Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, Hanser Verlag München Wien 1995

 

 


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