HERMANNUS PFEIFFER ÜBER NEUE ERKENNTNISSE DER OECD

in der taz vom 7.5.2014

Zu wenig Wachstum

Ein Wort der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) in Paris hat Gewicht.Wenn die Ökonomen des Zusammenschlusses der reichen westlichen Staaten zu geringes Wachstum beklagen, um die Armut zu besiegen, ist dies eine deftige Schelte für Regierungen in Berlin, Brüssel und Washington sowie für die Zentralbanker in Frankfurt. Über konjunkturelle Zyklen und Krisen hinweg sinken die Wachstumsraten in den „alten“ Industriestaaten. In den 1950er Jahren betrug das preisbereinigte Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik durchschnittlich 8,2 Prozent – pro Jahr. In den 1960er Jahren war es auf 4,4 Prozent geschrumpft, in den folgenden Dekaden sank es von 2,9 auf 1,7 Prozent. Und seit der Jahrtausendwende fiel das Wachstum, selbst wenn man das Krisentief beiseite lässt, aufmagere 1,2 Prozent. Nun ist diese Neigung zur Stagnation auch dem immer größer gewordenen Sockel geschuldet und insofern Mathematik. Der entwickelte Kapitalismus verfestigt damit jedoch ein soziales Grundproblem: Technische Entwicklungen, Rationalisierungsstrategien in den Betrieben und die Exportorientierung der Konzerne sorgen unter den gegebenen Bedingungen dafür, dass ein langfristiges Wirtschaftswachstum von etwa 2 Prozent notwendig wäre, um die Zahl ordentlich bezahlter Arbeitsplätze auch nur zu erhalten. Davon sind aber fast alle OECD-Staatenweit entfernt. In den meisten Ländern investieren die Unternehmen deutlich weniger als vor der Krise. Kapitalflucht in aufstrebende Schwellenländer, lukrativere Renditen an den Börsen und mangelhafte Ausbildung junger Menschen verhindern ein sozial und ökologisch verträgliches Wachstum. Der französische Ökonom Thomas Piketty  macht zur zeit Furore mit der These, dass kapitalistische Systeme grundsätzlich zu wachsender Ungleichheit neigen. Pikettys Forschungen wurden gerade von derOECD bestätigt.

 

Um die Arbeitsplätze nur zu erhalten, muss dieWirtschaft im Jahr um 2 Prozent wachsen

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